Montag, 16. Juli 2018
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Wie entsteht Wohlstand: Soll am „deutschen Wesen“ denn die Welt genesen?

© CC pxhereWarum gibt es (technisches) Erfinder- und Unternehmertum vor allem auf der Nordhalbkugel – und damit Jobs und Wohlstand? Warum produzieren Afrikaner (fast) nichts, Vietnamesen aber viel – und das ohne Entwicklungshilfe?

Obwohl es eigentlich die Zukunftsfrage der Erde schlechthin ist (Stichwort „Migration“), steht sie nicht zur Diskussion: Warum bringt Baden-Württemberg hochbegabte Tüftler und tüchtige Unternehmer in großer Zahl hervor, zahlen Konzerne Mitarbeitern höchste Löhne, während dies in Gegenden wie Arabien oder Afrika nicht gelingt?

Warum meldet der arme Dorfschneiderbub Artur Fischer („Fischer-Dübel“) aus Baden-Württemberg 1.100 Erfindungen an [1], während im geldgefluteten Saudi-Arabien nichts Derartiges passiert? – Kurz: Wie entsteht Wohlstand?

Wohlstand durch Ausbeutung?

Grundsätzlich lassen sich die Menschen nach ihren Anschauungen in Linke („Das Leben ist fremdbestimmt; ein starker Staat gleicht aus“) und „Rechte“ unterscheiden („Ich bestimme mein Leben selber; ich brauche weniger Staat“). In der Wohlstandsfrage präferieren Europas Eliten das erstgenannte Konzept. Es fußt auf zwei zentralen Annahmen:

Erstens. Alle Menschen dieser Welt sind (technisch und ökonomisch) exakt gleich begabt, gleich diszipliniert und gleich ehrgeizig. Müssten also alle exakt gleich reich werden.

Zweitens. Talente werden nicht vererbt, sondern in einem Klima aus Wohlstand, guten Pädagogen, Demokratie und staatlicher Förderung erlernt.

Warum dann die einen Menschen oder Gesellschaften reicher als die anderen werden (gleich riecht es nach Verschwörung): Weil die Reichen (Menschen, Kulturen, Religionen) die Ärmeren entsprechend bestohlen, ausgebeutet oder boykottiert hätten.

Nach Deutschland umsiedeln?

Vor drei Jahren wurde Haris Shala (25) in Deutschland als Asylwerber abgelehnt, freiwillig kehrte er damals in den Kosovo zurück. Heute paukt er eifrig Deutsch, ein Borkumer Restaurant hat ihm eine Stelle angeboten [2]. In Deutschland gebe es Jobs und Einkommen. Im Kosovo verdient man 350 Euro, so es denn überhaupt Stellen gibt.

Warum gibt es in dem einen Land traditionell nun aber Jobs und im anderen traditionell nicht? Soll der Kosovo nach Deutschland übersiedeln?

Kosovo: Gewerbefleiß gesucht

Bürgerliche („Rechte“) haben dafür eine eigene Erklärung: Es liegt am Gewerbefleiß, und der fußt auf zwei Voraussetzungen:

Erstens. In der Bevölkerung gibt es (technischen) Erfindergeist („Tüftlertum“).

Zweitens. In der Bevölkerung gibt es kapitalistischen Ehrgeiz („Materialismus“).

Je stärker beide vertreten sind, desto mehr Bürger arbeiten an Innovationen, versuchen mit der Produktion von Gütern reich zu werden. Jobs, moderne Güter und Steuererlöse sind die Folge.

Arme Schotten als Erfinder

So wie Richard Arkwright. Die Karriere des 1732 in Lancashire Geborenen widerspricht dem linken Wohlstandskonzept in jedem Punkt. Sein ländliches England war bettelarm, autoritär und sozial diskriminierend. Arkwright war das 13. Kind eines verelendeten Schneiders. In der primitiven Dorfschule wurde er weder gefördert noch hatte ihn der Staat später mit Unternehmergründer- bzw. Forschungsförderungsdarlehen unter die Arme gegriffen. Arkwright überlebte mit Hungerjobs (als Barbier und Perückenmacher), arbeitete nächtens aber wie ein Besessener am ersten von Wasserkraft getriebenen Webstuhl der Geschichte („Spinning Jenny“). Er trieb Geld auf und errichtete eine Fabrik, aus der heraus er die Welt verändern sollte.

James Watt entsprang einer bettelarmen Zimmermannsfamilie, bevor er die Dampfmaschine erfand [3]. Alexander Bain einer kleinen, schottischen Landpächterfamilie mit zwölf  Geschwistern. 1841 erfand er die elektrische Uhr, 1843 das Fax. Die Liste armer Habenichtse, die es mit Fleiß und Talent zu reichen Unternehmern (und Arbeitgebern) schafften, ließe sich beliebig fortsetzen.

So muss die Frage gestattet sein: Wo sind Afrikas Arkwrights? Jene, die sich für 10 Dollar Pfannen kaufen, nach Rezepten für Schokolade oder Röstkaffee forschen und denen es gelingt, (zuerst in Manufakturen ohne, und später dann) mit Maschinen massenhaft zu produzieren?

Statistik, Grafik © Michael HörlArm durch Kolonialismus?

Es gibt sie leider nicht. Wer das erste, eher marxistische Erklärungsmodell präferiert („Wohlstand durch Ausbeutung“), ist versucht, historische Realitäten durch ideologisch gewünschte zu ersetzen. So soll der Kolonialismus die ökonomische Passivität Afrikas oder Arabiens verschuldet haben.

Dann müssten Länder wie Äthiopien oder Kamerun aber zu den größten Erfindernationen der Welt zählen, die (Ex-Kolonien) Schottland und Amerika hingegen zu den ärmsten [4]. Denn Äthiopien war nie Kolonie und Kamerun nur am Papier; ganze 200 Deutsche lebten 1900 dort. Auf einem Gebiet so groß wie Frankreich – und das ohne Sklaverei. Die sozialdemokratische Geschichtsschreibung lässt das in ihren Büchern gerne unter den Tisch fallen.

Und warum der Aufschwung in Vietnam? Drei (!) Kolonialregimes, 150 Jahre lang. Zuerst kamen die Franzosen (als harmlosestes), dann die brutalen Japaner in den 1930ern mit massenhafter Zwangsprostitution. Der Rest verglühte unter einem Bombenteppich „Made in USA“.

Und heute? Nachdem die Kommunisten ihre Märkte 1986 geöffnet hatten, standen – quasi über Nacht – Million Vietnamesen auf, um zu tüfteln und zu produzieren, was sich irgendwie zu Geld machen ließ. Aus vergessenen Tälern schickt man heute grünen Tee per Post nach Europa, in Hinterhöfen schweißt man Fahrradrahmen im Akkord, baut kleine Mopeds nach.

Und der Wohlstand explodiert. Dabei hatte Vietnam als kommunistisches Land keinen Cent Entwicklungshilfe erhalten, gab es weder vernünftige Schulen noch staatliche Förderprogramme. Nur den Willen, reich zu werden.

Fluchtursache Klimawandel?

2015 interviewte n-tv im Sumpfgebiet des Senegals Fischer [5]. Im letzten Jahr hätten sie ein Steinhaus am Meer gebaut – schon dieses Jahr sei es überflutet. Bilder zeigen ein paar Steine und Plastikmüll im Wasser. Ein von Europa ausgelöster Anstieg des Meeresspiegels um zwei Meter pro Jahr, auf den Senegal beschränkt. Tenor: Europa müsse mehr Senegalesen aufnehmen!

Reiner Fake. Tatsächlich leben die meisten Senegalesen am (immer gleich) staubigen Land. Und in den meisten Gegenden Afrikas (wie Zaire) hat sich das Klima gar nicht gewandelt und trotzdem keine Erfinderwellen losgetreten.

Wanted: Gewerbefleiß

Wir wenden uns also dem bürgerlichen Modell zu und fragen: Unter welchen Voraussetzungen entsteht Gewerbefleiß? Dazu einige wirtschaftshistorische Beobachtungen:

  1. Gewerbefleiß ist eher auf der (kalten) Nord-, denn der (heißen) Südhalbkugel zu finden.
  2. Er ist stärker in städtischen, denn in ländlichen Kulturen vorhanden.
  3. In Gemeinwohl-orientierten Naturgesellschaften („Indios“) und im (Ex-)Sozialismus gibt es ihn gar nicht.
  4. Calvinistische Religionen befördern Gewerbefleiß, der Islam behindert ihn.
  5. Und er ändert sich: In England werden heute nur mehr 80 Patente je 1 Mio. Einwohner angemeldet, in der Schweiz sind es 426, in Deutschland 278 (davon in Baden-Württemberg 1.300), in Österreich 215, in Griechenland 5, in Bulgarien 3, in Syrien und Schwarzafrika je 0 [6].

Auf Evolution warten?

Da technisches Talent eher erblich ist [7], Materialismus hingegen eher kulturabhängig („Islam vs. Westen“), bräuchte man eigentlich nur warten, bis sich in Afrika und Arabien städtische Bürgergesellschaften herausgebildet hätten und die blanke Not zu Innovationen führen würde, wobei die weniger Talentierten verhungerten (wie das in Europa bis ins 17. Jahrhundert üblich war)?

Dafür haben wir keine Zeit. Und gottlob zu viel Mitgefühl.

Lösung Globalisierung

Zwei Wahrheiten:

Erstens. Es wird auch in nächster Zeit kaum Erfinder oder Fabrikanten aus Kamerun oder Kosovo geben – im Gegensatz zum alemannischen Raum (CH, Vorarlberg, Baden-Württemberg).

Zweitens. Wenn wir nicht wollen, dass sich die Welt dorthin aufmacht, wo es Erfinder und Fabrikanten gibt, dann müssen wir diese eben dorthin bringen, wo es sie (noch) nicht gibt.

Und das wird Jobs in Europa kosten: Fabriken, in denen Tätigkeiten noch von Hand gemacht werden, müssen von Europa nach Afrika und Arabien wandern, um dort den industriellen Spirit wach zu küssen (wie Textilfabriken in Bangladesch und China dies taten).

Denn eines muss klar sein: Siedeln wir Werte und Produktion nicht nach Süden, siedelt dieser zu uns.

Und das wird Europa nicht aushalten. Am wenigsten die Europäische Union.

 

[1] Auch: Fischer-Baukasten.

[2] „Tiefe Ernüchterung nach zehn Jahren Unabhängigkeit“, Die Presse, 16.2.2018.

[3] Genau genommen: perfektionierte und marktfähig machte. Das Prinzip war vorher schon bekannt gewesen.

[4] Schottland war offiziell keine Kolonie, wurde von England aber so behandelt. Selbst Auspeitschungen politischer Störenfriede gehörten bis weit in das 18. Jahrhundert zum Alltag.

[5] „Steigender Meeresspiegel führt zur Flucht vieler Senegalesen“, www.ntv.de, 12.12.2015.

[6] Länderzahlen: „Patent Applications to the EPO“, Eurostat 2012; Bundesländer: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft mit WiWo, 2012.

[7] Metastudien – wie die von Posthuma (Vrije Universiteit Amserdam) und Stern (ETH Zürich) – mit 78.000 europäischen Probanden kommen auf einen Erblichkeitsgrad von Talenten von etwa 80% („Gene für Intelligenz gefunden“, Zeit Online, 22.5.2017).

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