Donnerstag, 18. Oktober 2018
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Olympisches Nachbeben

Mag. Richard Grasl, Kaufmännischer Direktor des ORF (Bild: (C) ORF/Thomas Ramstorfer) & Karl Stoss, Präsident des Österreichischen Olympischen Comités. (Bild: (C) Manfred Werner)Das mehr als dürftige Abschneiden österreichischer Sportler bei den Olympischen Sommerspielen in Rio dürfte noch gröbere Konsequenzen auf der Ebene der Funktionäre nach sich ziehen. 71 Teilnehmer, die gerade eine Bronze-Medaille und 17 Plätze unter den ersten 10 schafften sind eine mehr als dürftige Ausbeute. Gerade auch im Vergleich mit anderen, ebenfalls kleinen europäischen Ländern, wie etwa die Schweiz, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, ja sogar den Kosovo. Sie alle weisen eine bessere Medaillenbilanz auf.

Das drittschlechteste Abschneiden in der Geschichte der Olympischen Spiele haben auch die knapp 100 Funktionäre, die mit nach Brasilien reisten, in einem hohen Ausmaß zu verantworten. Das alte olympische Sprichwort vom „Nicht Siegen, dabei sein ist wichtig“ ist zu sehr zu einem Leitmotiv im österreichischen (Sommer)Sport geworden.

Es ist nach Ansicht vieler Experten sicher nicht damit getan, jetzt bloß lautstark nach noch undefinierten Reformen zu rufen, den allzu lässigen Schulsport für die Misere verantwortlich zu machen, es sind insbesondere die verkrusteten Strukturen, die einem nach modernen Gesichtspunkten ausgerichteten Leistungssport entgegenstehen. Dass Österreich im Wintersport ganz andere Maßstäbe setzt, ist weder Trost noch darf es als Ausrede dienen.

Die Reform soll an der ÖOC-Spitze beginnen

Wie aus verlässlichen Quellen zu hören ist, sind unter anderem die Tage von ÖOC-Präsident Karl Stoss, der erst heuer auch Mitglied des IOC wurde, gezählt. Dass der Boss von Casinos Austria und den Österreichischen Lotterien diese Funktion innehat, geht allerdings auf eine lange Vorgeschichte zurück. Und hat vor allem damit zu tun, dass die Österreichischen Lotterien über die im Glücksspielgesetz verankerte Sportförderung wesentlich zur Finanzierung des Sports in Österreich beitragen. Mehr als 1,3 Milliarden Euro kamen dem Sport auf diese Weise seit 1986 zugute. Derzeit fließen etwas mehr als 80 Millionen Euro in die Sportförderung. Insbesondere der Breitensport profitiert von diesem Modell, das vor allem die Existenz vieler gemeinnütziger Sportvereine sichert. Zu kurz, und das ist die Crux, kommt dabei der Sommer-Spitzensport.   

Nachdem der Wintersport, dem in Österreich das Hauptaugenmerk gilt, eine wesentliche Basis für die gesamte Tourismusbranche darstellt, war es nach dem Ende der Ära Leo Wallner der Wunsch der Wirtschaft, die Spitzenfunktion im ÖOC zu übernehmen. WKO-Präsident Christoph Leitl konnte sich freilich mit seinem Ansinnen nicht durchsetzen, sodass im Oktober 2009 Stoss das Rennen machte.

Wallner, der es geschickt verstanden hatte, sein internationales Engagement im Sportbereich auch mit den wirtschaftlichen Interessen der Casinos Austria Gruppe zu verbinden, war übrigens über die Art seiner Ablöse zutiefst unglücklich, wie es aus Freundeskreisen immer wieder hieß. Und führte zusammen mit einer Reihe von Anschuldigungen und Gerichtsverfahren auch dazu, dass sich jener Mann, der das Glückspiel in Österreich salonfähig und auch für eine massive finanzielle Sportförderung stark gemacht hatte, immer mehr zurückzog.

Richard Grasl für mehrere Funktionen im Gespräch

Hans Peter Doskozil, der auch die Funktion des Sportminister innehat, ließ bereits in Regierungskreisen durchblicken, dass er für eine tiefgreifende Reform der Spitzensportförderung zu haben ist. Nicht zuletzt, weil es sich beim Sport an sich um ein sehr populäres Thema handelt, das auch breite Bevölkerungskreise interessiert. Und es daher für den zuständigen Regierungspolitiker durchaus Lorbeeren zu holen geben kann.

Die Namen, die für die Spitzenposition in der österreichischen Sportwelt bereits genannt werden, sind freilich sehr rar gesät. Leitl selbst kommt dafür nicht mehr in Frage, zumal er noch in der laufenden Legislaturperiode sein Amt als Wirtschaftskammerpräsident in jüngere Hände zurücklegen will. Trotz des Geldflusses von den Lotterien zum Sport, will man das Glückspiel eher zurückgedrängt wissen.

In Frage käme allerdings auch eine Person, die sich in der für den Sport ebenfalls wichtigen Medien-Welt auskennt. Und da kommt wieder einmal aus St. Pölten ein Signal. Der mächtige niederösterreichische Landesfürst Erwin Pröll könnte sich nämlich, so heißt es jedenfalls, den bei der ORF-Generaldirektorenwahl knapp unterlegenen Richard Grasl an der Spitze des ÖOC vorstellen.

Von dieser Funktion freilich wird Grasl nicht leben können, diese hat nämlich vor allem Repräsentationscharakter. Im ORF selbst will der gebürtige Niederösterreicher nicht bleiben. Und das hat er bereits selbst verkündet. Interessanterweise wird im KURIER-Haus in Wien Döbling damit gerechnet, dass Grasl der Medienwelt erhalten bleibt und im kommenden Jahr eine Spitzenfunktion in der Media-Print erhält. Es könnte allerdings auch sein, dass man ihm eine sehr gut bezahlte Position im Wirtschaftsleben anbietet. Die Rede ist von der EVN, dem blau gelben Energiekonzern, dessen Vorstandssprecher Peter Layr, im kommenden Jahr in Pension gehen soll.

Für Spannung ist somit nicht nur beim Strom sondern auch beim Sport und hier insbesondere beim ÖOC gesorgt.

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