Mittwoch, 18. September 2019
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Ist Österreich wirklich so reich?

Das ist eine echte Elferfrage: Hört sich zwar total simpel an, ist aber unmöglich spontan mit Ja oder Nein zu beantworten. Um die Wahrheit zu eruieren, muss man sich daher in zahlreiche Statistiken vertiefen: Ist die rot-weiß-rote Republik nun, wie immer wieder zu hören ist, eines der reichsten Länder der Welt oder trifft es eher zu, dass sie aus dem letzten Loch pfeift, weil die Politiker bekanntlich nicht sparen können, die Millionen leichtfertig rollen und die Staatsschulden in beängstigende Sphären emporschnellen lassen?

[[image1]]Fangen wir am besten mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) an: Laut Internationalem Währungsfonds rangiert das Alpenland mit einer Wirtschaftsleistung von 324 Milliarden Euro (2013) auf Platz 27 der Weltrangliste – weit hinter dem Spitzenquintett USA, China, Japan, Deutschland und Frankreich, aber immerhin knapp vor den mit unermesslichem Reichtum assoziierten Arabischen Emiraten. Bei dem weitaus aussagekräftigeren Vergleich – dem Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner – liegt Österreich mit 37.057 Euro sogar schon auf Rang 11. Die besten Länder – nämlich Luxemburg, Norwegen und Katar – sind praktisch unerreichbar, die Schweiz, Australien, Dänemark, Schweden, Singapur, die Vereinigten Staaten und Kanada sind auch noch vor uns platziert, doch Kuwait, die Niederlande, Irland, Finnland und selbst Deutschland und Frankreich werden von der rot-weiß-roten Republik auf die Plätze verwiesen. Das BIP pro Kopf ist in Österreich, dem zweitreichsten Land in der Europäischen Union, etwa doppelt so hoch wie etwa in Saudi-Arabien oder Südkorea.

Das jährliche Durchschnittsnettoeinkommen der Österreicherinnen und Österreicher liegt laut Eurostat, dem statistischen EU-Zentralamt, je nach Bildungsabschuss zwischen 20.447 und 31.289 Euro. Damit liegen sie unter den europäischen Staaten an siebenter Position, deutlich hinter Norwegen, der Schweiz, Luxemburg, Dänemark, Schweden und Finnland, doch knapp vor den Niederlanden und Frankreich. Laut Weltbank-Angaben rangiert Österreich diesbezüglich, hauchdünn hinter den Amerikanern, unter 197 Ländern an 13. Stelle, weil auch die Monegassen (mit mehr als 180.000 Dollar), die Liechtensteiner (mit ca. 140.000 Dollar) weitaus besser dran sind. Weiters sind die durchschnittlichen Einkommen in Katar und Kuweit höher als in Österreich. Die Diskrepanzen bei den mehr als vier Millionen unselbständig Erwerbstätigen sind allerdings enorm: Während sich das mittlere Nettojahreseinkommen von unselbständig erwerbstätigen Männern im Jahr 2012 laut Statistik Austria auf 22.374 Euro belief, mussten sich Frauen, die häufig nur teilzeitbeschäftigt sind, mit 15.221 Euro begnügen; weibliche Pensionisten kamen auf einen Mittelwert von 13.244 Euro netto, Männer im Ruhestand immerhin auf 19.803 Euro. Und während den männlichen Bestverdienern – also etwa Managern – netto 56.267 Euro verblieben, war für Arbeiterinnen bloß ein Medianwert von 8.856 Euro netto drinnen – im Jahr wohlgemerkt.

Männer vs. Frauen: Die Zwei Klassen-Gesellschaft

Wer weniger Geld verdient, kann bekanntlich weniger sparen: So ist es nicht verwunderlich, dass weibliche Single-Haushalte laut einer Untersuchung von Arbeiterkammer und Wirtschaftsuni Wien im Schnitt um etwa 40 Prozent weniger Nettovermögen vorzuweisen haben als männliche Single-Haushalte: Im ersten Fall handelt es sich um durchschnittlich 110.000 Euro, im zweiten um 194.000 Euro – Paar-Haushalte hingegen schaffen 380.000 Euro. Trotzdem zeichnet die Statistik insgesamt ein rosarotes Bild: Ende 2013 verfügten alle privaten Haushalte laut Oesterreichische Nationalbank über ein Finanzvermögen in Höhe von rund 500 Milliarden Euro – 1,4 Prozent oder 6,9 Milliarden mehr als ein Jahr zuvor. Obwohl die Sparquote im genannten Jahr von 7,4 auf 6,6 Prozent gefallen ist, beliefen sich die Ansprüche aus Lebens-versicherungen auf rund 70 Milliarden, in Anleihen und Investmentsfonds waren jeweils 42 Milliarden investiert, in börsennotierten Aktien etwa 18 Milliarden, 82 Milliarden waren täglich fällige Einlagen und 20 Milliarden waren bar vorhanden.

Allerdings: Das Nettovermögen der Österreicher – also abzüglich ihrer Schulden – betrug zum Jahresende nur 333 Milliarden Euro, womit die Privathaushalte den Staat, der es nur auf 141 Milliarden Euro brachte, souverän in den Schatten stellen. Das Vermögen pro Kopf und Nase machte also rund 42.000 Euro aus, womit Österreich gemäß dem „Allianz Wealth Report 2013“, nur einen Hauch vor Deutschland gelegen, unter den EU-Staaten Rang acht und weltweit Platz 16 einnimmt – weit hinter der Schweiz, wo die Bürger durchschnittlich 142.000 Euro schwer sind, und – in dieser Reihenfolge – hinter den USA, Japan, Belgien, den Niederlanden, Kanada, Singapur, Taiwan, Großbritannien und Australien. Nach den Top 10 folgen Schweden, Dänemark, Israel, Italien und Frankreich.

Das ist aber bei weitem nicht alles: Inklusive Sachvermögen, also den rund 690 in Immobilien investierten Milliarden – und minus Schulden – beläuft sich das Nettovermögen der Österreicher auf stolze 1,2 Billionen Euro. Das heißt demnach, dass jeder Bürger, jede Bürgerin, jeder Pensionist, jedes Baby und jeder Unterstandslose zumindest theoretisch 150.000 Euro besitzen müsste, was etwa mehr als dem durchschnittlichen Wert eines Hauptwohnsitzes entspricht. Die Republik ist auch nicht gerade arm, aber – zumindest am Papier – schaut sie ärmer aus: In der Eröffnungsbilanz 2013 des Finanzministeriums werden ihre Aktiva, großteils langfristiges Vermögen, mit 89,5 Milliarden Euro beziffert. Rund die Hälfte davon entfällt auf Sachanlagen, auf 25 Milliarden summieren sich die Beteiligungen, langfristige Forderungen machen etwa sieben Milliarden aus.

Dem Bund gehören zum einen tausende Gebäude – Kasernen, Schulen, Justizanstalten, Museen oder Botschaften – , die ein beträchtliches Vermögen darstellen; zum andern besitzt er bebaute und unbebaute Grundstücke sonder Zahl, weiters Forstgüter, Seen und Parks, aber auch Straßenbauten, Fahrzeuge, technische Anlagen und und und… Schließlich befinden sich zahllose Unternehmen – von der Oesterreichischen Nationalbank über die ÖBB bis zur Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-AG (Asfinag) – im Besitz der Republik. Ihre wertvollste Beteiligung, die Nationalbank, bringt es etwa auf einen Buchwert von mehr als vier Milliarden. Klar ist aber auch, dass es bei den Buchwerten bleibt, denn zum Beispiel Schloss Schönbrunn, das Kunsthistorische Museum, die Staatsoper, die Albertina oder die Österreichische Nationalbiblithek werden nicht so einfach zu versilbern sein. Es ist auch nicht einmal angedacht, etwa die Sammlung Albertina, deren Buchwert lediglich sechs Millionen Euro beträgt, oder aber die Kunstschätze der Österreichischen Galerie Belvedere, die mit 9,5 Millionen in den Büchern steht, an einen Ölscheich zu verscherbeln. Es ist auch ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Oligarch unbedingt die Österreichischen Bundesbahnen (Buchwert: 2,2 Milliarden) erwerben möchte.

Österreich oder Österarm?

Für‘s Erste klingt das zwar alles recht erfreulich, doch bei anderer Betrachtungsweise – sobald man sich die Kehrseite der Medaille ansieht – folgt prompt ein Schockerlebnis: Österreich ist derzeit nämlich mit 248 Milliarden Euro verschuldet – das macht rund 32.500 Euro pro Staatsbürger bzw. an die 60.000 Euro pro Erwerbstätigem. Allein die jährlichen Zinsen betragen 8,2 Milliarden Euro – pro Bürger etwa 1.100 Euro bzw. pro Erwerbstätigem fast 2.000 Euro. Zum Vergleich: Bulgarien steht lediglich mit rund acht Milliarden Euro in der Kreide, Kroatien mit 29, die Slowakei mit 40, Rumänien mit 54, Dänemark bzw. Finnland mit je 111 Milliarden. Die Staatsschulden der Alpenrepublik betragen bereits fast 78 Prozent des BIP – schlimmer sieht es EU-weit nur für zehn Mitgliedsländer aus, darunter Griechenland, Italien, Irland, Portugal, Zypern, Spanien und Frankreich.

Dazu kommt der Schuldenstand der privaten Haushalte, der bei leicht rückläufiger Tendenz 165 Milliarden Euro ausmacht, wovon das Gros auf Wohnbau- und Konsumkredite im Volumen von etwa 85 bzw. rund 21 Milliarden entfällt. In absoluten Zahlen betrachtet, steht Österreich im Vergleich etwa zu den klassischen Sorgenkindern wie Griechenland (235 Mrd.), Spanien (1800 Mrd.) oder Italien (2015 Mrd.) hervorragend da. Und selbiges gilt auch, wenn man die private Verschuldung in Relation zur Wirtschaftsleistung setzt: Dann stellt sich nämlich heraus, dass diese in Griechenland 129, in Spanien 174 und in Portugal gar 214 Prozent des Bruttoinlandsprodukt erreicht hat. Trotzdem: In den jüngsten Jahren war auch in Österreich ein regelrechter Negativ-Boom zu verzeichnen: Hatte die Gesamtverschuldung der Privaten im Jahr 2001 noch 28 Prozent des BIP ausgemacht, so nähert sie sich derzeit bereits der 50 Prozent-Marke. Im Schnitt entfielen Ende 2012 auf jeden österreichischen Privathaushalt 46.000 Euro Miese. Besonders schlimm ist es um deutlich mehr als 300.000 der insgesamt 3,7 Millionen privaten Haushalte bestellt, die heillos überschuldet oder zumindest nahe an der Überschuldungsgrenze angelangt sind. Ihnen steht das Wasser bis zum Hals, weil sie sich finanziell übernommen, über ihre Verhältnisse gelebt und/oder den Arbeitsplatz verloren haben.

Obwohl derzeit fast 290.000 Menschen in diesem Land ohne Job sind,  rund 230.000 Mindestrentner jeden Euro umdrehen müssen und Jahr für Jahr etwa 9.000 bis 10.000 Personen im Privatkonkurs landen sowie ungeachtet der Tatsache, dass zumindest eine Million Bürgerinnen und Bürger von Armut bedroht sind – laut Statistik Austria sogar einundhalb Millionen – , schneidet Österreich im internationalen Vergleich immer noch exzellent ab: Der Anteil jener, die von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind, ist hier zu Lande nämlich – so wie in Luxemburg, Finnland, Schweden und überraschender Weise in Tschechien – wesentlich niedriger als im EU-Schnitt (25 Prozent).

Den zahlreichen Austrianern, deren Lebensstandard niedrig ist, stehen laut Report der Liechtensteiner Investmentfirma Valluga mehr als 82.000 Euro-Millionäre gegenüber – übrigens 4.600 mehr als noch vor einem Jahr. Mehr Reiche – und bei einer Million Euro ist diese Bezeichnung gewiss schon zulässig – als im Alpenland gibt es lediglich in etwa 30 anderen Staaten. Ihr kumuliertes Vermögen wird, traditioneller Weise vom Wirtschaftsmagazin „trend“, auf 262 Milliarden geschätzt – das sind um sieben Prozent mehr als im Jahr 2012. Übrigens: Diese stolze Summe würde locker reichen um Österreichs Staatsschulden zu begleichen. Die privilegierten Herrschaften, die in einer Art Schlaraffenland zu leben und im Geld zu schwimmen scheinen, sind daher logischerweise wieder einmal ins Visier von zumeist linksorientierten Weltverbesserern geraten, für die riesige Vermögen schon automatisch himmelschreiende Ungerechtigkeiten darstellen. Diese haben es vor allem auf die finanzielle Extra-Klasse abgesehen: Allein die Top 100 – also Superreiche wie die Porsches, Piechs, Swarovskis, Kahanes, Mayr-Melnhofs & Co. – sollen es, wieder laut „trend“, auf rund 160 Milliarden bringen. Jenen 33 rot-weiß-roten Geld-Giganten schließlich, die zumindest eine Milliarde Euro schwer sind, darunter Red Bull-Boss Dietrich Mateschitz, Billa-Gründer Karl Wlaschek oder der Austrokanadier Frank Stronach, werden in Summe auf 119 Milliarden geschätzt – um nahezu 10 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Die Republik ist arm dran

Die Superreichen sollten also ordentlich zur Kassa gebeten werden, damit sich der ausgepumpte Staat finanziell etwas erholen könnte. Eine so genannte „Reichensteuer“, die beispielsweise von Gewerkschaftsbonzen  und roten Spitzenpolitikern vehement gefordert wird, aber selbst bei dem einen oder anderen ÖVP-Landeshauptmann schon auf Sympathie stößt,  soll bei einem durchschnittlichen Steuersatz von 0,5 Prozent etwa 1,6 Milliarden Euro bringen. Stimmt nicht, konterte der inzwischen abgetretene Finanzminister Michael Spindelegger immer wieder – eine solche Aktion brächte bestenfalls 125 Millionen, weshalb sich der monatelange Steuerkrieg zwischen den Parteien keineswegs auszahle. Die Regierung, für die Sparen immer schon ein Fremdwort war, braucht jedoch jeden Cent. Die Staatsschulden werden nämlich wegen der Hypo-Bad-Bank und der ausgelagerten Schuldenlast von Bundesbahnen, Bundesimmobiliengesellschaft und der Gemeinden im Herbst geradezu explodieren – exakt um mehr als 30 Milliarden Euro.

Ist Österreich also wirklich so reich? Jetzt ist die endgültige Antwort auf diese Frage fällig: Die Republik Österreich, die von unseren Politikern gerne und oft als Paradeland gelobt wird, darf zwar auf gigantische Besitztümer stolz sein – Berge, Gebäude, Kulturschätze, Unternehmen etc. – , doch das Parlament kann sie eben so wenig versilbern wie das Schloss Schönbrunn oder die Donau. Besonders arm dran ist das Land, weil seine Regierung aus alter Tradition nicht mit Geld umgehen – sprich: sparen – kann, alljährlich ansehnliche Haushaltsdefizite auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene zulässt und die Staatsschulden nicht und nicht in den Griff bekommt. Statt ordentlich zu wirtschaften und die Ausgaben zu kürzen setzen sie lieber auf die hohe Steuerquote, sowie weitere Steuererhöhungen, was die Österreicher zusehends frustriert. Und wie steht‘s um die Bürgerinnen und Bürger ? Tja, jeder hundertste darf gewiss als besonders wohlhabend bezeichnet werden, weil er ein ansehnliches Vermögen besitzt. Der Rest schwimmt aber nicht gerade in Geld: Den übrigen 99 geht es einerseits zum Teil relativ gut, zum Teil recht mittelmäßig und zum aber Teil ganz schlecht. Die Ärmsten der Armen – etwa vier Prozent der Bevölkerung – müssen jeden Euro mehrmals umdrehen, ehe sie ihn ausgeben.

 

Über MUZIK, Prof. Dr. Peter

MUZIK, Prof. Dr. Peter
Prof. Dr. Peter Muzik ist langjähriger Wirtschaftspublizist ('trend', 'WirtschaftsBlatt', 'Wiener Zeitung') und Inhaber der auf Medien-Resonanz-Analyse spezialisierten Agentur Public & Media

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