Samstag, 18. August 2018
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Indiens „Dritter Weg“ als Vorbild für Europa?

Immer lauter werden Stimmen, die ein Europa ohne Konzerne, Profit-Orientierung und Patentschutz fordern. Die Politik solle Konzerne verstaatlichen und stattdessen nur noch Genossenschaften und non-profit-Kleinbetriebe fördern. In Indien ist ein solches Gemeinwohl-Modell 1991 allerdings gescheitert.

[[image1]]So beeindruckend sein gewaltfreier Kampf um die Unabhängigkeit von England war, so verträumt war Indiens Gründervater Mahatma Ghandi ökonomisch. Von einer Welt ohne Maschinen, Autos oder Lärm träumte er. Die Gewänder sollten sich Indiens Bürger selber weben, die Schuhe im Kreise der Familie basteln. Mahatma Ghandi schien die Reinkarnation von Peter Roseggers Waldbauernbub.

Nehru: Demokratischer Sozialismus

Weil Ghandi zur Unabhängigkeit 1947 bereits 78 Jahre alt war, wurde der glühende Marxist, Jawaharlal Nehru Indiens erster Premier. Er wollte einen „Dritten Weg“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus finden. Privates Unternehmertum oder Gewinne waren nur mehr im kleinen Rahmen geduldet, den Großteil der (kleinen) Industrie hatte man bis 1956 verstaatlicht.

Mit dem „Dritten Weg“ sollte die Menschlichkeit (und die Politik) wieder in die Betriebe Einzug halten; so konnten Mitarbeiter fortan nicht mehr entlassen werden. Außerdem wollte man die Arbeitslosigkeit verringern, indem man 800 Branchen (!) – vom Handwerk bis zur Landwirtschaft – verbot, in Maschinen zu investieren. „Made in India“ wurde zum Synonym für lausige Qualität.
Nicht „kalte“ Märkte oder Börsen, sondern (warmherzige ?) Sozialwissenschaftler im fernen Delhi sollten künftig Rohstoffpreise und Produktionswachstum planen. Doch die einzigen Faktoren, die zuverlässig wuchsen, waren Arbeitslosigkeit, Hunger und Inflation. Das Land vegetierte auf dem Niveau der Sahelzone.

Indira Gandhi: Ohne Wettbewerb und Konzerne

Als 1966 Nehrus Tochter Indira Gandhi an die Macht kam, wurde alles noch schlimmer. Weil man den Welthandel als Instrument kapitalistischer Ausbeutung sah, schottete man sich durch hohe Zölle ab. Außerdem sollte das Fernhalten ausländischer Wettbewerber heimische Firmen stärken. Tatsächlich sahen sich diese so aber noch weniger bemüßigt, in Forschung und Entwicklung zu investieren.
Es war die Angst vor einem „Indien der Konzerne“, die den Staat fast ausschließlich kleine Firmen (und da am liebsten profitlose Genossenschaften) mit Krediten, Devisen und Aufträgen fördern ließ. Beim Überschreiten einer bestimmten Größe (oder bei politischem Missfallen) entzog man diesen die Hilfe von einem Tag auf den anderen. Damit sollte das Wachsen zu monopolkapitalistischer Dominanz verhindert werden. Tatsächlich begrenzte man damit Jobwachstum und Wohlstand.

„Perpetuum Mobile“ gefunden

Die horrenden Verluste der verstaatlichten Fabriken konnten durch die winzigen Erträge aus dem künstlich kleingehaltenen Privatsektor nicht gedeckt werden. So war man immer stärker auf Importzölle (von bis zu 400%) als (später sogar Haupt-)Einnahmequelle angewiesen. Diese subventionierten dann Indiens defizitäre Gemeinwohl-Ökonomie. Ein „Perpetuum mobile“ der Armutsmaximierung.

Hungersnöte wie in China konnte man verhindern, weil man „blockfrei“ war und Hilfe nicht nur von der Sowjetunion nahm. Gerne prahlte Indien mit seinem „menschlichen Marxismus“, und war doch nie verlegen, von Kapitalisten Geldgeschenke anzunehmen.
Der Startschuss zur offenen Wettbewerbswirtschaft der – im Vergleich zu Indien – winzigen BRD war erst 1949 erfolgt. Obwohl völlig ausgebombt, erzeugte die kleine BRD nur 25 Jahre später ein Vielfaches des indischen BIPs. Vor allem unter Willy Brandt blieben sogar noch viele Milliarden DM an Entwicklungshilfe an Indiens Sozialismus über.

1991: Neoliberale Wende

Indiens Ausstieg aus dem Schrecken begann mit dem Ölpreisanstieg 1991 als Folge des ersten Golfkrieges. Millionen indischer Gastarbeiter waren über Nacht heimgeschickt worden. Die Sowjetunion war als Geber mittlerweile ausgefallen und man hatte nur noch Devisen für 2 Wochen, um Erdöl anzukaufen. Das Land stand vor der Pleite.

Es kam zu Neuwahlen und innerhalb von sechs Wochen wurde die Wirtschaft radikal liberalisiert. Die Preise wurden freigegeben, was diese sofort steigen ließ. Ausländer durften plötzlich Firmen gründen und Produkte ohne staatliche Gängelung verkaufen. Staatliche Monopole fielen. Ausgenommen waren nur Eisenbahnen, Rüstung und Atom.
Indiens wirtschaftlich Aktive ließen sich nicht lange bitten: Quasi über Nacht entstanden Millionen neuer Kleinbetriebe – ohne Staat und Subvention. Indiens hohe Preise (und damit die Aussicht auf ebensolche Profite) reichten als Triebfeder für neue Produktionen völlig aus.

Monsanto nicht schuld

Über 4 Jahrzehnte hinweg hatten Indiens Einkommen bei 200 bis 300 Dollar (jährlich!) stagniert. Nur die Bevölkerung war gewachsen, von 350 Millionen (1950) auf 878 Millionen (1991). Weil man das Entstehen von (profitorientierten) Betrieben – und damit jede Industrialisierung – erfolgreich verhindert hatte, mussten die Menschen auf dem Land verbleiben. Immer mehr Bauern hatten sich immer weniger Ackerfläche aufzuteilen. Manche beackerten Landstreifen von 3.000 m2 und weniger – also „etwas größere Bauparzellen“.

Die letzte Rettung sah man oft in Hybrid-Saatgut, das Ertragssteigerungen von 100% ermöglicht. Wenn es allerdings nicht regnet oder sich Schädlinge an dessen Ernte laben, ist der Landwirt trotzdem pleite. Dann haben aber nicht Konzerne wie Monsanto Schuld. Es war der „Dritte Weg“, der die Industrialisierung Indiens verhindert und seine Kleinbauern zum Bleiben auf dem Lande gezwungen hatte.

Attac: Patentschutz oder Fortschritt

„Wissen ist nicht Eigentum wie jedes andere. Es ist ein öffentliches Gut. Wenn es zugänglich bleibt, ist das die beste Voraussetzung für Innovation“, weiß Christian Felber von Attac. ErfinderInnen wollten mit Ideen eigentlich gar kein Geld verdienen. Als kreative Wesen würden sie aus purer Lust und Freude forschen – ganz ohne ökonomische Interessen.

Bis 1991 wollte man aus ähnlichen Gründen Patente und Erfindungen in Indien nicht schützen. Als Folge blieben aber viele Firmen Indien fern. Sie hatten Millionen in die Forschung nach modernen Produkte gesteckt und sich die Ergebnisse durch Patente schützen lassen. So wollten sie sicherstellen, dass man die hohen Forschungskosten später wieder herein-verdienen konnte.

Auch Inder konnten ohne Patentschutz nichts riskieren. Hätten sie ihr weniges Geld in die Entwicklung eines Produktes gesteckt, zum Schluss hätte es dann doch ein anderer umgesetzt und man wäre ruiniert gewesen.

Die Geschichte hat Attacs Modell 1991 abgewählt. Seit ein moderner Patentschutz indischen Forschern die Früchte (=Profite) ihrer Arbeit sichert, entwickeln sich indische Firmen – aus dem Nichts heraus – zu Weltmarktführern im Anlagenbau, bei Software oder in der Biotechnologie. Ausländische Firmen kaufen heute indische Patente, und nicht wie früher umgekehrt.

Fach „Wirtschaftsgeschichte“

Indien hat noch einen weiten Weg vor sich. Wie zu Zeiten des Manchester-Kapitalismus haben sich gerade Abermillionen Menschen in die Städte aufgemacht. Allerdings sind in nur 20 Jahren bereits über 200 Millionen Menschen in Brot und Arbeit gekommen. Das Wirtschaftswachstum von jährlich an die 7 Prozent spiegelt sich auch in Indiens Nettolöhnen wieder.

Wenn Indiens Experiment was Gutes haben soll, dann die Erkenntnis, dass der Mensch endlich beginnen sollte, aus gemachten Fehlern zu lernen. Ein Fach „Wirtschaftsgeschichte“ könnte dabei helfen.

 

Bild: Dieter Schütz / www.pixelio.de

 

Über HÖRL, MMag. Michael

HÖRL, MMag. Michael
MMag. Michael Hörl. Der Betriebswirt und Wirtschaftspädagoge ist Wirtschaftspublizist in Salzburg und hat Europas erstes "Globalisierungskritik-kritisches" Buch geschrieben: "Die Finanzkrise und die Gier der kleinen Leute". www.michaelhoerl.at

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