Donnerstag, 13. Dezember 2018
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IBAN, die Schreckliche

Die EU-Kommission musste also wieder einmal kapitulieren: Auf Grund der in etlichen Ländern äußerst schleppenden Umstellung auf das neue europäische Zahlungssystem SEPA wird dieses nicht wie geplant am 1. Februar, sondern am 1. August starten.

[[image1]]Der zuständige EU-Binnenmarkt-Kommissar Michel Barnier bedauert diese in der Vorwoche getroffene Entscheidung, doch damit soll ein allgemeines Chaos verhindert werden – sprich: Unterbrechungen im Zahlungsverkehr. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen, Vereine sowie insbesondre jene unzähligen Verbraucher, die nach wie vor wie Kaninchen auf endlose Zahlenschlangen starren, erhalten damit sechs Monate Galgenfrist, um sich mit den neuen, angeblich einheitlichen Kontokennzeichen anzufreunden.

Der weit verbreitete Grant konzentriert sich primär auf IBAN, die Abkürzung für International Bank Account Number, sowie die bei Überweisungen ins europäische Ausland ebenfalls erforderliche internationale Bankleitzahl BIC, also den aus lauter Buchstaben bestehenden, durchaus rätselhaften Bank Identifier Code. Obwohl es sich schon irgendwie herumgesprochen haben sollte, dass die neuen, maximal 34-stelligen Zahlenkolonnen, die in Österreich gottlob stets nur 20 Stellen umfassen, aus dem jeweiligen ISO-Länderkennzeichen, einer Prüfziffer, der Bankleitzahl und der bisherigen Kontonummer bestehen, hat sich die Aufregung noch nicht gelegt: IBAN, die Schreckliche, ist für viele EU-Bürgerinnen und – Bürger ebenso zum Reizwort geworden wie SEPA, das Kürzel für Single Euro Payments Area.

Kurzum: Diese angesichts der dilettantischen Umsetzung nicht untypische Initiative der Kommission, die jahrelang um die Harmonisierung des Zahlungsverkehrs im europäischen Wirtschaftsraum gerungen hat, ist also vorerst auf Grund des hinhaltenden Widerstands unzähliger Bankkunden gescheitert. In Online-Foren etwa wird sie von stinksauren Betroffenen gerne als „großer Schwachsinn“ oder „grotesker, bürokratischer Irrsinn“ abgetan. Die Abkehr von herkömmlichen Geldtransfers scheint zwar für Großbetriebe ein durchaus lösbares Problem zu sein, kleineren Firmen verlangt die technische und organisatorische Umstellung von Überweisungen und Lastschriften auf den neuen Standard jedoch eine Menge Zeit und Arbeit ab, naturgemäß auch Kosten beispielsweise für die neue Buchungssoftware. Schließlich sehen viele, speziell ältere Konsumenten, gewaltige Troubles auf sich zu kommen, weil die künftig erforderlichen Nummern-Ungeheuer, die sich kein Mensch merken kann, bisweilen schwierig zu recherchieren sind und obendrein eine perfekte Quelle für Fehler und Irrtümer sein dürften. Schwacher Trost: Für Verbraucher gilt eine verlängerte Übergangszeit bis 1. Februar 2016, damit sie sich an den neuen Modus gewöhnen können.

Vollmundige Versprechen

Zores über Zores also – dabei hat es Brüssel doch nur gut gemeint: Das neue europäische Zahlungssystem, das mit rund eineinhalbjähriger Verspätung kommen wird, soll den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr in 33 Staaten – abgesehen von den EU-Mitgliedsländern machen Island, Liechtenstein, Norwegen, die Schweiz und Monaco mit – nicht bloß vereinheitlichen, sondern auch vereinfachen sowie schneller, billiger und sicherer machen. Die Grundidee war, dass die EU-weit bislang 28 unterschiedlichen Systeme im bargeldlosen Zahlungsverkehr ein ineffizienter Unsinn waren, der dafür verantwortlich war, dass der europäische Binnenmarkt mit seiner Waren- und Dienstleistungsfreiheit unvollendet blieb.

Diese nationalen Unterschiede sollten mit der SEPA-Verordnung des Europa-Parlaments vom Februar 2012 und den von der europäischen Kreditwirtschaft entwickelten SEPA-Zahlungsverfahren beseitigt werden. In Zukunft können Verbraucher ihren gesamten Zahlungsverkehr bei einer beliebigen Bank in ganz Europa abwickeln, Unternehmen wiederum – unabhängig vom Firmensitz – sämtliche bargeldlose Euro-Zahlungen, Kontoführung sowie Cash Management effizient steuern, wobei sie dem Kreditinstitut mit dem besten Preis-Leistung-Verhältnis in ganz Europa den Vorzug geben werden. Das Beste kommt aber noch: Die EU-Gewaltigen haben vollmundig angekündigt, dass Banken und deren Kunden nach dem Wegfall von Überweisungsgebühren innerhalb von sechs Jahren mit einer Kostenersparnis von rund 120 Milliarden Euro rechnen können. Klingt zwar erfreulich, doch der Wahrheitsbeweis wird noch zu erbringen sein. Fest steht jedoch: Es gibt kein Zurück mehr.

Österreichs Betrieben, die im Gegensatz zu den meisten Firmen in einschlägigen Musterländern, darunter Slowenien, die Slowakei, Finnland und Luxemburg, noch immer nicht umgestellt haben, bleibt gar keine andere Wahl, als dies schleunigst zu tun und sich mit SEPA, IBAN & Co. anzufreunden. Monsieur Barnier und seinen Kommissars-Kollegen kann man letztlich nur wünschen, dass ihr Experiment wenigstens im zweiten Anlauf gelingt …

 

 Bild: Thorben Wengert/PIXELIO/©www.pixelio.de

Über MUZIK, Prof. Dr. Peter

MUZIK, Prof. Dr. Peter
Prof. Dr. Peter Muzik ist langjähriger Wirtschaftspublizist ('trend', 'WirtschaftsBlatt', 'Wiener Zeitung') und Inhaber der auf Medien-Resonanz-Analyse spezialisierten Agentur Public & Media

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